12.11.2019 / komba gewerkschaft

Der öffentliche Dienst muss nachlegen

© Robert Pfeil / dbb
© Robert Pfeil / dbb

Zukunft denken: Gewerkschaft im Wandel

Beitrag von Andreas Hemsing, Bundesvorsitzender der komba gewerkschaft

Unsere Gesellschaft ist im Umbruch und wir befinden uns inmitten eines Strukturwandels. AIles wird digitaler, alles wird schnelllebiger und aIles wird individueller. Ein Phänomen, das alle Sparten und Einrichtungen gleichermaßen betrifft – auch uns als Gewerkschaften. Diese Entwicklung erfordert die Umsetzung neuer Konzepte und bietet zugleich erhebliche Chancen.

Die Arbeits- und Lebenswelten verändern sich kontinuierlich. Das haben sie immer schon. Neu ist allerdings das Tempo. Rasante Veränderungen stehen, nicht zuletzt aufgrund technischer Weiterentwicklungen, auf der Tagesordnung. Dieser Entwicklung kann sich niemand von uns entziehen. Wir befinden uns beispielsweise inmitten einer erhöhten Flexibilisierung des Berufslebens, jedenfalls dort, wo die Tätigkeiten es zulassen. Damit verbunden sind unterschiedliche Interessenlagen jüngerer Generationen und bereits im Job etablierter Beschäftigter. Diese gilt es aufzugreifen. Für die Gewerkschaftsarbeit bedeutet das wiederum, Angebote bereitzustellen, die den unterschiedlichen Zielgruppen mit je eigenen Bedürfnissen weiterhelfen.

Beschäftigte haben unterschiedliche Bedürfnisse
Gerade die jüngeren Generationen wollen flexibler im Job agieren und interagieren. Sie sind besonders technikaffin, sind es von Kindesbeinen an gewohnt, mobil zu sein, und für sie hat mobiles Arbeiten längst Eingang in die Lebenswirklichkeit gefunden. Diese Gruppe legt gesteigerten Wert auf Freizeit und Flexibilität als Währung. Demnach ist ein gutes Gehalt schon lange nicht mehr das alleinherrschende Kriterium an einen erfüllenden Job. Das soziale Miteinander, die Arbeitszeitenregelung und der Umgang mit Diversity Management sind weitere und zunehmend wichtigere Entscheidungskriterien bei der Berufswahl. In all diesen Feldern muss der öffentliche Dienst nachlegen, will er junge Menschen für sich gewinnen.

Lebensphasen, in denen es schwerfällt, Beruf und Familie in Einklang zu bringen
Für viele Beschäftigte kommen zudem Phasen im Leben, in denen es schwerfällt, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Sei es durch Nachwuchs oder die Pflege von Angehörigen. Arbeitszeitmodelle, die sich stärker an den Lebensphasen orientieren und mehr Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse nehmen, werden daher gefragter. Ziel einer lebenslauf-orientierten Arbeitszeitgestaltung ist es, den unterschiedlichen Lebenswegen der Beschäftigten besser gerecht zu werden sowie ungleiche Lebens- und Erwerbsverläufe nicht länger zu diskriminieren. Im Hinblick auf den demografischen Wandel und die länger andauernde Erwerbstätigkeit der Beschäftigten müssen Mittel und Wege gefunden werden, die Beschäftigten gesund und lange im Beruf zu halten.

Gewerkschaften müssen sich weiterentwickeln

Dieser Wandel fordert nicht nur die Beschäftigten und den öffentlichen Dienst als Ganzes heraus, sondern auch uns als Gewerkschaften. Wir müssen Strukturen überdenken, Service- und Dienstleistungen auf den Prüfstand stellen und unser Agenda Setting neu ausrichten. Genau darin liegt auch die Chance für Gewerkschaften. Erforderlich wird es, den Ist-Zustand zu analysieren, um darauf aufbauend neue Aspekte in den Blick zu nehmen und die gewerkschaftliche Arbeit entsprechend auszurichten. Klar ist, dass Gewerkschaften weiterhin ihre Rolle als starker Sozialpartner wahrnehmen werden. Veränderungen in der Arbeitswelt erfordern ein flexibles und innovatives Handeln. Gewerkschaften müssen die Stimme in der Politik bleiben und die Positionen der Beschäftigten bereits vor dem Gesetzgebungsprozess als professionelle Interessenvertretung deutlich machen. Tarif- und Besoldungspolitik ist ein ebenso großes Feld der originären gewerkschaftlichen Aufgaben, das bleiben wird.

Angebote exklusiv für Mitglieder
Mit Service- und Dienstleistungen, wie dem umfassenden und zuverlässigen Rechtschutz, der individuellen und praxisbezogenen Beratung sowie den attraktiven Versicherungs- und Vorsorgekonditionen sowie Ersparnissen bei Reisen und Einkäufen, bieten die Gewerkschaften bereits jetzt zahlreiche Angebote exklusiv für Mitglieder. Anreize, die sowohl für Mitglieder als auch deren unmittelbare Angehörige erweitert werden können und müssen.

Das Lernen auf Vorrat hat ausgedient, so dass sich alle Beschäftigten immer wieder mit Neuerungen konfrontiert sehen. Damit sie mit den Entwicklungen Schritt halten können und befähigt sind, ihrer Arbeit lange, gesund und erfolgreich nachzugehen, bedarf es stetiger Wissenserweiterung. Gewerkschaften können – auch und gerade angesichts des rasanten Fortschritts in sämtlichen Lebens- und Arbeitsbereichen – mittels Weiterbildungsangeboten zielgerichteter und passgenauer das lebensbegleitende Lernen fördern und den Beschäftigten mit einem facettenreichen Angebot an Schulungen einen persönlichen Mehrwert bieten.

Engagement der Mitglieder

Gewerkschaften leben maßgeblich vom Engagement der Mitglieder. Nur, wenn sie vor Ort Präsenz zeigen, Neumitglieder gewinnen und bereits Etablierte halten, können wir als Interessenvertretung zukunftsfähig bleiben. Entscheidend ist es daher, die Bedürfnisse der unterschiedlichen Zielgruppen zu kennen, im Blick zu halten und kontinuierlich auf ihre Ansprüche, Interessen und Erwartungen hin zu prüfen.

Daher ist es wichtig, ein Paket aus Service und Dienstleistungen zu schnüren, das den unterschiedlichen Zielgruppen noch besser Rechnung trägt. Dazu gehört zweifelsohne, die Digitalisierung mit all ihren Möglichkeiten zur Vereinfachung der Kontaktaufnahme und Bearbeitung der Anliegen auszubauen. Forderungen an den öffentlichen Dienst, die Digitalisierung nicht zu verschlafen, gelten gleichermaßen für die von schwindendem Organisationsgrad getroffenen Einrichtungen vor allem Kirchen, Parteien und Gewerkschaften. Bei all den Neuerungen gilt: Egal aus welcher Perspektive betrachtet und gleich welcher technologische Fortschritt noch auf uns zukommen mag, der Mensch muss „mitgenommen werden“ und im Mittelpunkt bleiben.

In Gemeinschaft mehr bewegen
Um die vorhandenen Potentiale aus der Mitgliedschaft und deren Wunsch nach ehrenamtlichem Engagement, das sich möglichst problemlos in den Alltag integrieren lässt, gewinnbringend für die Gewerkschaftsarbeit zu nutzen, ist es erforderlich, neue Formen des Engagements zu etablieren. Die projektbezogene Ehrenamtlichkeit ist ein Begriff, der in diesem Zusammenhang erwähnt werden muss. Wir müssen dazu übergehen, den Engagierten die Möglichkeit zu bieten, sich im Rahmen ihrer Interessen und zeitlichen Ressourcen einzubringen. Ihr Fachwissen und ihr Gestaltungswille dürfen nicht verloren gehen, nur weil uns starre Strukturen den Weg dorthin verbauen.

Starre Strukturen verbauen den Weg
Vielmehr müssen wir Engagement in Projekten und auf Zeit ermöglichen, um zu profitieren. Bei allem gilt, es muss wieder stärker deutlich werden, dass gewerkschaftliches Engagement Spaß bringt, schlagkräftiger macht und sich in Gemeinschaft mehr erreichen lässt. Der Solidaritätsgedanke, für den Gewerkschaften gestern, jetzt und noch in Zukunft stehen, muss ein größerer Teil der Identität werden und in den Köpfen der Menschen wieder stärker verankert sein. Gewerkschaften setzen sich für gesamtgesellschaftliche Fragestellungen und Themen ein. Sie sind persönlicher Partner und Begleiter in unterschiedlichen Lebensphasen. Genau diese Aspekte bedürfen einer stärkeren Aufmerksamkeit und Ausrichtung innerhalb der künftigen Gewerkschaftsarbeit.

Wir als Gewerkschaften müssen uns weiterentwickeln und den neuen Bedürfnissen Rechnung tragen. Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen mit der Zeit gehen. Die Chance ist da, bereits heute die Gewerkschaft der Zukunft zu denken und zu gestalten. Wir müssen nur anfangen.

  • Dieser Beitrag ist erschienen in der tacheles 11/2019, das dbb Tarif-Magazin für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer